Aber das muss ich jetzt mal loswerden. Und ja. Es geht schon wieder um Bach.
Meine Beziehung zu Bach ist irgendwie sehr komplex und lang. Und irgendwie fällt mir der Anfang gerade nicht leicht. Es gibt so viel, was in meinem Kopf zu dem Thema rumschwirrt und das in Worte zu fassen, ist gerade nicht ganz leicht. Aber das ist ja ein altbekanntes Problem von mir.
Bisher habe ich bei dieser Leidenschaft eher Einsteins Rat befolgt. Er meinte einmal: "Was ich zu Bachs Lebenswerk zu sagen habe: Hören, spielen, lieben, verehren und - das Maul halten!"
Was so einige andere (siehe Verlinkung) nicht davon abgehalten hat, ihren Meinung kund zu tun und eben nicht das Maul zu halten.
Langsam kann ich das aber auch nachvollziehen. In letzter Zeit merke ich immer mehr, wie sehr reden wirklich hilft. Einfach mal die Gedanken aus dem Kopf lassen und irgendwie rauslassen. Und wenn es nur Tagebuch schreiben ist und es niemand je zu Gesicht bekommen wird. Aber wenn man die loswird, auf welche Art auch immer, fällt es einem leichter das Ganze distanzierter zu betrachten und ganz andere Möglichkeiten und Lösungswege zu betrachten und in Erwägung zu ziehen. Also, so geht es mir zumindest. Und das fühlt sich gut an. Irgendwie befreiend. Obwohl ich das nie gedacht hätte. Früher habe ich mich sogar dagegen gewehrt. Es hat nie jemand erfahren, was wirklich in mir vorgeht, was ich wirklich denke und fühle. Selbst mein Tagebuch nicht so wirklich. Und irgendwann habe ich gemerkt, wenn ich nicht so langsam mit ein paar Sachen rausrücke, drehe ich durch. Dann habe ich ganz langsam angefangen zu reden, also wirklich zu reden, und im Rückblick merke ich, wieviel sich bei mir getan hat. Selbst wenn das nichts an der Vergangenheit ändert, manchmal ändert sich durchs Reden der Blickwinkel. Man merkt auf einmal, was warum so einen Einfluss auf einen hat, oder warum man auf manche Sachen reagiert, wie man eben reagiert, oder was auch immer. Und wenn ich jetzt mal über längere Zeit niemandem zum Reden habe, merke ich das.
Ich schweife ab.
Eigentlich will ich immer noch über meine Bach-Faszination reden. Oder schreiben, wenn man es genau nimmt.
Ich wurde letztens eben wieder gefragt, warum ich Bach so toll finde. Werde ich andauernd. Immer wenn ich diese Frage gestellt bekomme, fängt mein Gehirn an sich vollkommen zu entfalten und aus jeder kleinsten Ecke stürzen auf einmal die beklopptesten Argumente in mein Bewusstsein, dass daraufhin einfach überläuft und explodiert.
Alles, was ich dann noch rausbekomme, ist sowas wie: "Weil Bach einfach der coolste war."
Hä?!?
Was besseres fällt mir dann aber wirklich nicht mehr ein. Deswegen versuche ich jetzt einfach mal mich in aller Ruhe mit dieser Frage auseinander zu setzten. Damit meine Bewunderung vielleicht ein Stück weit nachvollziehbarer wird. Ich mein, alterstypisch ist es ja ganz und gar nicht. Und viele mögen Klassik schlicht und einfach nicht. Was ich aber auch ein bisschen verstehen kann. Wenn ich da so an meine Schulzeit denke und an die Unterrichtsstunden in Musik, kann ich sehr gut verstehen, dass viele mit Klassik langweilige und verstaubte Musik verbinden. Ich mein, ich kann bis heute nicht mehr Smetanas Moldau hören ohne die Krätze zu bekommen. Es ist durchaus ein tonmalerisches Meisterwerk, aber so zum Erbrechen durchgekaut, dass es mir definitiv total egal ist, wo jetzt die Stromschnellen und Bauernhochzeit zu hören sind.
Ich weiß auch gar nicht mehr so genau, wie ich auf Bach kam. In der Schule wurde Bach nur gestreift, da lag bei uns der Schwerpunkt eher auf den Komponisten der Klassik und Romantik. Barock wurde nur grob behandelt. Und wenn Barock, dann Vivaldis Vier Jahreszeiten.
Dabei ist Bach meiner Meinung nach immer noch der größte (Ba-)Rocker! Der Größte, der Genialste, der Begabteste, einfach DER Komponist aller Zeiten.
Aber was fasziniert mich so?
(Jetzt muss ich aber erst einmal klarstellen, dass ich ein Laie bin. Ich übernehme keine Haftung auf Richtigkeit und Vollständigkeit. Musik ist einfach nur mein Steckenpferd und ich liebe es neue Aspekte herauszufinden. Aber ich habe noch so unglaublich viel zu lernen, ich weiß nur einen winzig kleinen Bruchteil des Ganzen. Von daher lasse ich mich gerne berichtigen und bin offen für andere Meinungen.)
Zweifellos die Musik.
Am Barock liebe ich die Polyphonie und den Generalbass. Das finde ich total faszinierend. Wenn ich mir klassische oder romantische Werke reinziehe, fehlt mir da immer was.
Ich war letztens auf einem Konzert und habe mir Mendelssohns Elias angehört. Es ist ohne Frage ein Meisterwerk. Die Texte, die Musik, die einfach perfekt dazu passt, einfach unglaublich. Das hat mich dazu angeregt, ganz anders über den biblischen Elia nachzudenken. In den GoDis, in denen überhaupt mal über Elia gepredigt wurde, lag die Betonung immer nur auf seinem großartigen Glauben und wie er doch mit den 400 Baalspristern umgegangen ist und wie er mal so eben den Regen abbestellt und dann wieder hergebracht hat. Aber die menschliche Seite von ihm, wurde ganz oft einfach weggelassen oder nur ganz kurz am Rande erwähnt. Dass er auch nur ein Mensch, mit Ängsten und Schwächen war, passt irgendwie nicht so ganz in das Bild eines superheiligen Propheten. Aber auf genau diese Depression geht Mendelssohn ein. Und wenn ich diese Tatsache im Hinterkopf habe, wächst in mir der Respekt vor Elia und vor allem vor Gottes Wirken. Wie er so einen, naja, schon fast Selbstmordkandidaten dazu gebrauchen kann einem ganzen Volk zu helfen.
Okay. Ich schweife wieder ab. Ich war eigentlich bei dem musikalischen Aspekt. Ich will damit sagen, Mendelssohns Werk an sich ist ganz große Klasse, aber irgendwie hat mir die ganze Zeit was gefehlt. So das Sahnehäubchen. Das gewisse Etwas. Bei dem darauffolgenden Konzert, das ich besuchte, wurde unter anderem Bach Motette "Singet dem Herrn ein neues Lied" (BWV 225) gesungen. Mit einem Knabenchor und Orgel und Kontrabass als Continuo. Da fiel es mir zum ersten Mal bewusst auf. Der Continuo fehlte. An sich ist das ja einfach nur die harmomische Begleitung, das tiefe Grundgerüst, typisch für Barockmusik. Aber die kann so unglaublich viel ausmachen. Vor allem, wenn man so auf Tiefe und Bass steht, wie ich. Ich will den ganzen Klassikern und Romantikern ihr musikalisches Können gar nicht abstreiten, aber mir fehlt da immer was. Zwischendurch höre ich auch ganz gerne mal Klassik oder Romantik, vor allem Brahms Requiem oder Haydns Symphonien, aber ich mag eindeutig Barock lieber.
Außer dem Continuo ist die Polyphonie auch typisch barock. Im Wesentlichen bezeichnet Polyphonie eine Art von Mehrstimmigkeit, bei der die einzelnen Stimmen unabhängig, gleichwertig und selbstständig sind. Das finde ich total faszinierend. Man kann sich dabei ein Stück zehnmal nacheinander anhören und jedes Mal fällt einem etwas neues auf, etwas, was man vorher noch nicht gehört hat, weil man sich auf etwas anderes konzentriert hat. Dadurch bekommt ein Stück eine Vielschichtigkeit, die einfach nicht langweilig wird.
Bei klassischer Musik habe ich meistens eher das Gefühl, als ob die Melodie zwischen den einzelnen Instrumenten verteilt wird und wer sie gerade nicht hat, der begleitet eben. Und die Melodie haben eben ganz oft die Geigen...
Okay. Jetzt wäre so ungefähr geklärt, warum ich Barock mag, aber warum gerade Bach? Warum nicht Vivaldi mit seinen echt guten Cellokonzerten, oder Händel mit seinen genialen Oratorien?
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, glaube ich, dass ich bei dieser Vorliebe nicht ganz unvoreingenommen war und bin. Zugegebenermaßen.
Also, beim Instrumentalunterricht und im Orchester kam ich kaum in Berührung mit Bach und Barock allgemein. Da haben wir eher klassisches Zeugs gespielt. Im Schulunterricht ebenso. Erst als ich mit 14/15 endlich auch Klavierunterricht hatte, habe ich angefangen Bach zu spielen. Das lag aber an meiner Klavierlehrerin, die auch ein Bachfreak war. Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich mich schon längst in Bach verliebt, was meiner Klavierlehrerin offensichtlich sehr gelegen kam.
Wie kam ich also zu Bach? Wie gesagt, ich weiß es nicht mehr so genau. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mal zu Besuch bei Freunden war, deren ganze Familie musikalisch war. Bei einem der Kinder stand so eine Bach-Büste in der Vitrine. Das war wahrscheinlich der Grundstein. Daraufhin habe ich angefangen mich mit dem Menschen Bach zu beschäftigen. An die Musik kam ich nicht so gut dran. Damals war das Internet noch nicht so verbreitet und youtube kannte kein Mensch. Und für neue CDs reichte mein Geld nur ab und zu, der Großteil ging eher für Bücher drauf. Aber in die Schulbücherein kam ich. Und somit auch an genügend Biographien.
Das hatte zweierlei Auswirkungen auf mich. Zum einen hat Bachs Leben mich zu dem Zeitpunkt sehr viel mehr fasziniert, als seine Musik, von der ich ja ohnehin noch nicht allzuviel gehört hat. Erst dadurch habe ich seine Musik schätzen und lieben gelernt. Zum anderen entdeckte ich dabei meine Vorliebe für Biographien allgemein. Und das, was mir mit Bach passiert ist, wiederholte sich bei so manch anderen Musikern, wie zum Beispiel Brian Head Welch, David Pierce mit No Longer Music, Larry Norman und vor allem Keith Green. Ohne deren Biographien zu kennen, würde ich mir keinen von denen anhören. Und seit dem gucke ich fast immer auch, welche Menschen sich hinter der Musik verbergen, die ich so höre. Diese Verhaltensweise habe ich fast überall angewendet. Menschen verhalten sich nicht aus Spaß so. Jeder hat eine Geschichte. Jeder hat Kämpfe ausgestanden. Jeder hat so sein Paket zu tragen. Ich will mich davor hüten meine Mitmenschen zu schnell zu verurteilen, nur weil ich sie nicht verstehen kann. Aber das nur so nebenbei.
Zurück zu Bach. Bach war unglaublich begabt. Trotzdem war er nicht faul. Er kannte seine Begabungen und seine Schwächen. Er hat mit ihnen gearbeitet, sie weiterentwickelt, sein Bestes gegeben. Er sagt selber, dass er sehr fleißig sein musste, um das alles erreichen zu können. Er hatte keinen perfekten Lebenslauf, hatte mit allerhand Schwierigkeiten zu kämpfen, angefangen mit faulen, unbegabten Schülern bis zu dickköpfigen und kreativitätshemmenden Vorgesetzten. Zu Lebzeiten wurden sein Schaffen und Wirken noch nicht mal wirklich anerkannt. Als Orgelvirituose und -spezialist war er sehr wohl bekannt und geschätzt, aber nie als Komponist, auch wenn er ein beachtliches Werk hinterlassen hat. Erst fast achzig Jahre nach seinem Tod kam langsam der Komponist Bach ins Bewusstsein der Allgemeinheit. Aber davon hat er sich nicht aufhalten lassen. Er komponiert weiter, bildete sich weiter, ernährte eine Großfamilie, gab sein Wissen an seine Kinder und Schüler weiter. Dabei zeigte er ungeheure Energie und Kreativität.
Aber das, was mich wirklich beeindruckt hat ist, wie Bach mit Leid umgegangen ist. Habe letztens ein Buch darüber gelesen. "Überlebenskunst" von Luise Reddemann. Sehr empfehlenswert. Davor wusste ich das alles zwar auch schon, aber mir war es noch nie so bewusst. Bach hat echt unglaublich viel Leid erlebt. Ich weiß nicht genau, wie man früher mit Leid und Tod umgegangen ist. Es war wahrscheinlich anders als heute, vor allem weil der Tod gegenwärtiger war und nicht tabutisiert wurde. Trotzdem glaube ich nicht, dass das alles spurlos an den Menschen vorbeigegangen ist. Vor allem nicht, wenn man mit neun Jahren Halbweise wird und ein Jahr später Vollwaise. Oder wenn man als 35-Jähriger mit dem Chef auf eine Kur fährt und bei der Rückkehr erfahren muss, dass die eigene Frau, mit der man 13 Jahre glücklich verheiratet war, überraschend gestorben ist und schon begraben wurde und man auf einmal mit vier kleinen Kindern alleine da steht. Oder dass man erleben muss, wie von den zwanzig Kindern elf sterben. Damit wird man nicht mal eben fertig, auch wenn man vielleicht eher damit rechnet.
Ich glaube, er hat sehr viel von seiner Trauer in und mit Hilfe der Musik verarbeitet. Dass er ein unerschütterliches Gottvertrauen hatte, half ihm mit Sicherheit. Er sah sich immer als ein Diener Gottes, wovon letztendlich nicht nur seine "SDG"-Unterschrift, seine "Soli Deo Gloria"-Unterschrift, unter fast all seinen Werken zeugt. Er komponierte immer zu Gottes Ehren. Selbst seine weltlichen Werken.
Ich weiß nicht, wie es anderen dabei geht, aber mir flößt das unheimlichen Respekt vor dem Menschen Bach ein. Selbst, wenn er dabei noch nicht einmal so ein großartiger Komponist gewesen wäre. Das kommt dann aber noch dazu.
Ja, ich liebe seine Musik nicht nur um der Musik willen, sondern auch um Bachs willen. Manchmal denke ich, was ich doch für ein einfaches und problemloses Leben im Vergleich zu ihm habe. Und wie gut es mir dabei geht.
Aber vielleicht auch gerade weil ich das alles von ihm weiß, hat seine Musik so einen ungeheuren Einfluss auf mich. Ich kann ohne Zweifel sagen, dass ich ohne die Musik nicht mehr leben würde. Immer wenn ich Bach höre, geht es mir nachher einfach besser. Egal, wie schlecht es mir davor ging. Danach kann ich immer noch ein bisschen weiter machen und weiter kämpfen. Es ist einfach die Droge schlechthin. Als Musikerin bin ich sowieso total auf Musik gepolt, egal welche. Ich kann auch gut Heavy Metal, Pop oder Rock oder sonst was hören. (Okay, alles außer Techno und Hip Hop). Aber Bach ist einfach so einzigartig, so vielseitig, so unglaublich tröstend und ermutigend. Aus seiner Musik kann ich so viel Kraft schöpfen und sie gleichzeitig auch noch genießen und bewundern. Und bei jedem hören fällt mir was neues auf, was Spannendes, eine ganz neue Seite. Ich weiß auch gar nicht, wie ich das anders beschreiben soll. Und seit dem mir das bewusst ist, kann ich das auch gezielt nutzen, was das Leben etwas einfacher macht.
Na toll. Jetzt artet das wieder in einen rosarotbebrillten Liebesbrief an die Musik aus. Und irgendwie habe ich gerade das Gefühl, als ob ich das sowieso gar nicht auf den Punkt bringen kann, weil es so viel zu Bachs Musik und seinen Einfluss auf mich zu sagen gibt. Und wenn ich jetzt mal so über diesen Eintrag rüberscrolle, merke ich, der ist wieder länger als geplant. Ich wusste nicht, dass ich so viel dazu zu sagen habe und doch nur einen Bruchteil losgeworden bin. Ich bin dabei noch nicht mal auf einzelne Werke eingegangen, sondern nur ganz allgemein aufs Bach Musik. Man über jedes einzelne Stück Bücher schreiben kann. Vielleicht werde ich zu einem anderen Zeitpunkt noch was loswerden. Aber jetzt werde ich es erst mal hierbei belassen. Es bleibt spannend.
Ich weiß auch, dass es nicht jeder nachvollziehen kann, will oder wird. Das macht nichts. Manch einer mag Barock einfach nicht. Anderen ist der Mensch Bach nicht wichtig. Das ist okay.
Aber das mag ich. Das prägt mich. Darauf lege ich Wert. So bin ich.
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