Ja. Es stimmt wirklich. Freiburgs Fahrradfahrer sind asozial.
Aber die Autofahrer und Fußgänger mindestens genauso.
Und dafür gibt es eigentlich auch eine recht einfache Erklärung. Freiburg hat nunmal viele Einwohner. Und da die Bevölkerungsdichte nun mal größer ist, als auf dem Land, ist es sehr logisch, dass man da auch sehr viel häufiger auf asoziale Mitbürger (im Nachfolgenden "Assis" gennant) trifft. Selbst wenn die Assi-Dichte genauso hoch ist, wie auf dem Land. Das ist nun einmal wirklich sehr logisch. Ich kann auch nichts dafür.
Vielleicht wird hier in Freiburg aber auch nur auf Fahrradfahrer geschimpft, weil sich Freiburg eben Fahrradstadt nennt. Und da fällt die Aufmerksamkeit auch auf ebendie. Ich mein, das Ruhrgebiet hat auch alle möglichen Spitznamen. Darunter auch sehr viele, die den Wortteil "Mini-" oder "Klein-" und dann die Hauptstadt eines anderen Staates dieser Welt enthalten, z.B. Mini-Moskau oder Klein-Istanbul. Tut mir leid, aber dann fallen mir unsere ausländischen Mitbürger besonders auf. Was ist also mit diesem Abschnitt sagen will, Freiburg ist ein nettes, großes Dorf, ähnlich den anderen großen Dörfern dieses Landes. Dass hier die Fahrradfahrer besonders asozial sind, ist Vertuschung oder schlichtweg Irrsinn.
Wobei ich zugeben muss, ich kenne nur Freiburg, zwei süße Städtchen etwas außerhalb von Freiburg und das Ruhrgebiet mit dem Stand von 2005. Das sind nicht gerade optimale Vergleichsmöglichkeiten. Die Städchen und der Pott jeweils mit einigen kleinen ausgewählten Updates. Freiburg ist jedoch sehr aktuell. Auch wenn ich mich gerade frage, wie sicher es ist, im größen weltweiten Web zu schreiben, dass ich in Freiburg wohne. Aber wie soll ich sonst meine Glaubwürdigkeit und Seriösität beweisen?
Wie auch immer, seit drei Jahren und einem zerquetschtem Monat wohne ich in Freiburg. Ich bin nur auf dem Fahhrad unterwegs. Die Außnahmen sind Straßenbahn und Auto, was durchschnittlich sechs mal im Jahr vorkommt. Grob übern Daumen gepeilt. Selbst zu diversen Musikaktivitäten bin ich mit Madita unterwegs. Mit Artistino. Und es geht wirklich! Ich habe irgendwann beschlossen, dass ich StraBa (das freiburgsche Wort für die Straßenbahn) mit dem Cello nicht mag und das es dank der Rucksackgarnitur am Koffer doch möglich sein sollte, mit beiden Schatzis unterwegs zu sein. Auf diesem Weg konnte auch die Wasserdichtigkeit des Cellokoffers überprüft werden. Er ist ganz dicht. (Im Gegensatz zur Besitzerin...) Nunja, das Cello wird zwar bei jedem Tritt schwerer, aber das ist auch so, wenn ich damit in der Bahn stehe. Und dabei ecke ich überall an und muss mir das dumme Geschwätz der gemeinen Homo Sapiens anhören, die mein CELLO nun wirklich als Gitarre bezeichnen!!! Ist das zu fassen?!? Wie tief kann Deutschland eigentlich noch sinken?? Wie auch immer, auf dem Fahrrad höre ich das meistens nicht. Dafür ernte ich jede Menge erstaunter Blicke, die sich an meinem Marienkäfercellokasten ergötzen. Das tut doch jedem Ego gut! Die Blicke der Kinder sind immer noch am herrlichsten. So oft steht der Mund offen, die Sprache ist hinfort und die Augen weit aufgerissen - vor Schreck oder Bewunderung sei mal dahingestellt. (Ich habe übrigens das perfekte und unschlagbare Argument gefunden, mit dem man Kinder dazu überreden kann, Cello zu lernen und nicht Geige: "Hey, du bist doch schon so groß! Du brauchst ein großes Instrument! Geige ist was für kleine Weicheier." ... Überschwenglichen Dank für dieses Produkt meiner genial bekloppten Gehirnwindungen und die daraus folgende Schonung der Nerven aller nehme ich gerne entgegen.)
Wie auch immer. In einer Stadt der Größe Freiburgs ist man mit Fahhrad schlichtweg schneller als mit jedem anderen Transportmittel. Ich bin der Beweis. (Okay. Ich gebe aber auch zu, dass ich immer wie eine Irre durch die Straßen brettere. Das sind aber die Gene und es liegt in der Familie.) Ich habe eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 20km/h. Das ist eine enorme Leistung, wenn man bedenkt, dass man gefühlsmäßig alle 200m von einer Ampel gestoppt wird (Beispiel: 17 Ampeln auf einem Arbeitsweg von 6km. Und dabei habe ich schon die schnellste Strecke mit den wenigsten Ampeln aufgetüftelt) und dann wieder neu beschleunigen muss (und meine Körperfülle und allgemeine Unsportlichkeit außer Acht gelassen).
Meine Arbeitsweg und vor allem der Weg nach Hause sind der angenehmste Teil meiner Berufstätigkeit. Die Bewegung tut gut. Es ist interessant, wenn man sich darauf konzentriert die Atmung der Beintätigkeit anzupassen. Die Blumenfülle ist vor allem im Frühling überwältigend. Es ist einfach schön den Gedanken freien Lauf zu lassen, wenn man sich so durch die Stadt schlängelt. Es ist so angenehm und entspannend.
Zumindest, wenn man die menschlichen Lebewesen dabei nicht berücksichtigt. In letzter Zeit fällt mir so oft auf, wie sehr ich Assis verabscheue und sowas von überhaupt nicht ausstehen kann. Ich kann es einfach nicht nachvollziehen, wenn man sich asozial verhält. Egal, wo. Egal, ob in der Familie, auf dem Arbeitsplatz oder im Straßenbverkehr. Ich kann es partout nicht verstehen. Und ich weiß nicht, woran es liegt. Liegt es an meiner Erziehung? An meinen Genen? An meinen Verhaltensweisen? An meinem gestörten Selbstbild? An meiner perfektionierten Rücksichtsnahme? Ich weiß es wirklich nicht.
Aber was ist bitte so schwer daran, auch mal an andere zu denken, als nur an den eigenen dicken Bauch? Ich verstehe es nicht, wenn man in einem Labor, wo man nicht alleine ist und jeder auf den anderen angewiesen ist, sein benutztes Zeugs aufräumt oder wieder an den Platz zurück legt, damit der nächste nicht unnötig Zeit verschwendet, das Teil suchen zu müssen. Oder ich verstehe es nicht, wenn man sich als Fahrradfahrer an der Ampel vordrängelt und dann sehr langsam anfährt und einfach keine vernünftige Geschwindigkeit erreicht. Ich mein, man merkt es doch, wenn man langsam fährt. Wieso muss man sich dann unbedingt vordrängeln, als erster starten und dann aber alle anderen Fahrradfahrer zur Weißglut treiben, indem man den ganzen Verkehr mit einem Schneckentempo aufhalte?? Oder einfach mal am Rand vor sich hin radeln, anstelle als King of the Road in der Mitte und die anderen dumm anschnauzen, wenn die hinter einem klingeln und mich damit erschrecken, nur weil sie überholen wollen. Witzig dagegen sind die Möchtegerns. Die, die ein teures Fahrrad, evtl. sogar E-Bike, haben und dazu die passende Pampersradlerhose. Dazu die Ortlieb-Gepäckträgertasche, Fahrradschuhe, die natürlich in die Pedale einrasten, ein fancy Fahrradhelm und die Vaude-Gamaschen. Ja, aber dann mit 10km/h durch die Gegend tuckern. Die sind einfach lächerlich. Das sind die, die sich auch darüber streiten würden, ob eine Kanzel aus Fiberglas sein darf, oder ob es massives Zedernholz aus Israel sein muss. Um es mal zu überspitzen...
Was mich aber am meisten aufregt, also wirklich ankotzt und das, warüber ich mich ohne Vorbereitung von jetzt auf gleich in Rage reden kann: Fußgänger auf Radwegen. Ich verstehe es durch und durch nicht. Wie kann man nur so verdammt blöd sein?? Die Stadt Freiburg hat wirklich ein sehr gutes Radwegnetzt (verglichen mit dem Pott, Stand 2005). Und neben jedem Radweg ist ein Fußgängerweg. Wirklich neben jedem. Absolut jedem! Fühlt man sich besser, wenn man auf dem Radweg geht? Wie kann man nur so ignorant sein? Fußgänger sind die Pest in Form von Menschen. Es gibt nicht viel, was ich so sehr hasse. Es ist einfach nur unglaublich nervig!! Noch schlimmer als eine Mücke in einer schwülen Sommernacht, wenn man nach einem verdammt scheißen Tag endlich schlafen will. Ich vermute, meine Verärgerung ist sehr lächerlich und irrational, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich habe es versucht. Ich hasse Assis. Vor allem, wenn es sich um gehende Assis auf Radwegen handelt. Man, es tut gut, das hier mal raus zu schreiben.
Und ich gebe auch zu. Ein Grund, warum ich den Winter so viel lieber mag, als jede andere Jahreszeit ist, dass im Winter viel mehr Assis und Weicheier auf Bus und Bahn und Auto umsteigen. Endlich kann man halbwegs vernüntig fahren, endlich findet man in der Stadt einen Stellplatz, endlich ist man nur von den gleichen harten Zeitgenossen umgeben und ja, endlich schwitzt man nicht schon nach einer Minute fahren, sondern erst nach sieben bis zehn Minuten, nachdem man es endlich geschafft hat, sich aufzuwärmen.
Selbst der Schnee ist hier kein Problem. Entweder ist man so früh unterwegs, dass man den Neuschnee erwischt, worauf man relativ gut fahren kann, oder der Radweg wurde schon geräumt. Ich bin ganz offiziell ein Schisshase, was Fahren auf Schnee und bei Glätte angeht, aber hier ist das wirklich gut machbar. Selbst für Schisshasen. Das hat die Stadt Freiburg meiner Meinung sehr gut im Griff! Und was kann man mehr von einer Stadt erwarten? Sie kann nichts gegen asoziale Assis machen, noch kann sie uns nicht zur Helmpflicht zwingen, also selber schuld, falls was passiert, aber sie kann Radwege einrichten und sie in Ordnung halten. Zumindest bei Schnee. Im Sommer legen andauernd Glasscherben rum. Leider kann die Stadt nicht jeden Tag die Radwege säubern. Das verstehe ich, aber macht mich aber nur wütender auf Assis. Wieso kann man seinen Müll nicht wegräumen, sondern muss unbedingt die Flasche auf der Straße oder auf dem Radweg zerbrechen?? Tja, Dummheit ist wirklich unendlich.
Wow. Und ich merke gerade, wie lang dieser Post geworden ist. Und eigentlich war es mehr ein geistiges Erbrechen auf Assis, als eine objektive Betrachtung der Radfahrrersituation in Freiburg. Oh, eines muss ich aber noch erwähnen. Etwas anderes, was mich letztens sehr positiv überrascht hat: ich bin letztens mit dem Zug in den Urlaub. Eigentlich war geplant mit der StraBa zum Bahnhof zu fahren. Ich habe es aber natürlich geschafft zu verschlafen, was darauf hinauslief, dass ich mit dem Fahrrad zum Bahnhof düsen musste, weil ich sonst den Zug verpasst hätte. Deshalb stand mein Schatz von Fahrrad, ohne das ich ausgesprochen aufheschnissen bin, eine ganze Woche lang unbeaufsichtigt am Freiburger Bahnhof. Mitten in den Schul- und Semesterferien, in denen lauter junge Menschen vor Langeweile auf dumme Gedanken kommen können. Aber als ich zurück kam, stand Madita da, als hätte ich sie erst vor einer halben Stunde da abgestellt. Noch nicht mal die Ventile wurden geklaut! Damit hatte ich echt nicht gerechnet. Von daher muss ich fairerweise noch sagen: Danke, liebe Assis, dass ihr bis jetzt mein Fahhrad in Ruhe gelassen habt. Das muss man euch echt lassen. Auch wenn ihr dringendst an eurem Verhalten auf Arbeit und im Straßenverkehr arbeiten müsst.
Offensichtlich gibt es doch noch Hoffnung!